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Ausdruck vom 18.05.2012 06:32 Uhr, erstellt am Freitag, den 08. Juli 2005 um 14:34 Uhr, zuletzt geändert am Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 14. April 2011 um 07:40 Uhr


Noch einmal kurz aufleuchten.

Arbeitsgruppe Schmetterlingskinder richtet erste Bestattungsfeier für fehlgeborene Kinder in Leipzig aus

1.bestattung

Von Philipp Jahn - Sechs kleine Särge stehen auf den beiden Bestattungswagen an der Spitze des Zuges. Jeder geschmückt mit einem Kranz leuchtend gelber Sonnenblumen. Hinter den Wagen laufen vielleicht 70 Menschen. Es ist bewölkt. Der böige Wind bringt von Zeit zu Zeit die Blätter der alten Friedhofsbäume zum Rauschen. Sonst ist es ganz still.

Sechs Kindersärge – das Bild erzählt von einer Katastrophe, die passiert sein muss. Das Unglück, das die Menschen an diesem Morgen auf dem Lindenauer Friedhof miteinander teilen, ist eine Fehlgeburt. Für Familien eine Katastrophe, die aus Sicht der Initiatoren der Bestattungsfeier von der Arbeitsgruppe „Schmetterlingskinder“ bisher als solche nicht ernst genug genommen wurde.

Denn laut sächsischem Bestattungsgesetz besteht für Kinder unter 500 Gramm Geburtsgewicht keine Bestattungspflicht. Und in einem anderen Gesetz, dem Personenstandsgesetz, steht sogar, dass Kinder erst ab diesem Gewicht als Personen gelten und auch erst dann einen Namen bekommen.
Diesen Kindern trotzdem eine würdige Ruhestätte zu geben und damit den Eltern beim Abschied von ihren Kindern zu helfen, war seit Herbst 2003 das Ziel der Arbeitsgruppe. Unter dem Dach des Hospizvereins Leipzig arbeiteten Menschen zusammen, die in ihren beruflichen oder persönlichen Erfahrungen mit dieser Problematik konfrontiert worden waren.
Nach einem hürdenreichen Weg sind sie jetzt am Ziel. Für Ulrike Nieß, eine der Pflegedienstleiterinnen am St. Georg-Krankenhaus und Leiterin des Projekts, ist der Tag etwas ganz Besonderes, „weil das Ganze nicht von der Stadt kommt, sondern von Leuten, denen es ein Anliegen war“.
„Die große Zahl der heute beerdigten Fehlgeborenen macht darauf aufmerksam, dass es sehr viel mehr Betroffene gibt, als wahrgenommen wird“, sagt Pfarrer Hans-Christoph Runne, Geschäftsführer des Diakonissen-Krankenhauses. „Es war höchste Zeit, dass es das für Leipzig gibt.“ Denn, was in einigen anderen Städten schon eine Weile existiert, gab es bislang noch nicht in Sachsen. Ab jetzt soll es zweimal im Jahr eine solche Gedenkfeier geben, die nächste im Herbst.
Der Weg über den Friedhof zum „Ruhegarten für Schmetterlingskinder“ ist lang. Mit aufeinander gepressten Lippen trägt ein Vater einen Kranz aus violetten und weißen Blumen im Arm. Auf den seidig glänzenden, weißen Bändern steht in goldenen Buchstaben: „Unserem lieben Luca in ewiger Erinnerung. Deine Mama und Dein Papa.“ Die Frau neben ihm weint leise. Sie hält ein paar selbst gepflückte Stiefmütterchen in der zittrigen Hand.
Begonnen hatte die Begräbnisfeier im kleinem Andachtsraum des Diakonissen-Krankenhauses. Dort konnten die Eltern für jedes Kind einen kleinen, gelben Filzstern beschriften und auf ein nachtblaues Tuch legen. „Noch einmal soll das Leben der Kinder kurz aufleuchten“, so die Worte der begleitenden Meditation.
Auf einem Stern war zu lesen „Für Nathanael. Mach’s gut, mein Schatz, bis zum Wiedersehen!“, auf einem anderen „Lass es Dir gut gehen, mein Kleiner!“. Oder einfach „Anja“, „Conny“, „Ada“ - die Namen, die die Fehlgeborenen laut Gesetz nicht bekommen durften. „Es ist wichtig für die Eltern, den Kindern einen Namen zu geben“, sagt Nieß, „die Sterne sind der Ersatz für einen Grabstein“.
Der Trauerzug ist an der Grabstelle angekommen. Die spiralenförmige Erdböschung, an deren Fuß die kleinen Särge gleich beerdigt werden, ist noch kahl. In wenigen Monaten soll hier der „Ruhegarten“ blühen. Im Zentrum der Spirale wird es dann einen stillen Brunnen aus vielen kleinen Mosaiksteinen geben. Da es der Arbeitsgruppe vor allem darum ging, einen Ort für die Trauer der Eltern zu schaffen, war die Gestaltung besonders wichtig. „Das Loslassen kann erst beginnen, wenn die Kinder beerdigt sind. Das ist der Ort, wohin die Eltern wiederkommen können“, sagt Krankenhausseelsorgerin Elisabeth Krummacher.
Als die Särge nacheinander langsam in die Erde gelassen werden, drückt ein Mann seine Frau eng an sich. Die kleine Familie, mit der großen Tochter gekommen, hält sich eng umschlungen. Für einen kurzen Moment reißen die Wolken auf und die Sonne scheint auf den „Ruhegarten für Schmetterlingskinder“.

Spendenkonto:

AG „Schmetterlingskinder“
Bank für Sozialwirtschaft Leipzig
Kontonummer: 355 75 04
Bankleitzahl: 860 20 500

Kontaktadresse:

AG „Schmetterlingskinder“
c/o Caritasverband Leipzig
Schwangerschaftsberatungsstelle
Emil-Fuchs-Straße 5-7
04105 Leipzig
Tel.: 0341/ 980 50 89